Im Vorübergehen… Palast Barberini – Vorderseite

Erinnert ihr euch noch an den Jahrhundertschritt? Richtig…. der „Riesenkerl“, der auf der Rückseite vom neuen Barberini in Potsdam steht und im Herbst letzten Jahres von meinem Kollegen Thomas Sander hier auf meinem Blog so wunderbar schön und leicht in Szene gesetzt wurde. Diesmal war Thomas wieder einmal im Barberini und hat für euch, so ganz im Vorübergehen, sich die Vorderseite vom Museum mal genauer angeschaut.

“ Heute will ich in den Palast Barberini, zu Beckmann und seinem „Welttheater“. Das hatte ich mir schon längst vorgenommen, es aber bisher nicht geschafft. Grund: Der Palast liegt fast um die Ecke und die Ausstellung geht noch bis Juni. Sehr gefährlich, denn so denkt man, dass der Wunsch buchstäblich auf dem Wege liegt und man noch ewig Zeit hat. Meine Erfahrung – und nicht nur meine – sagt aber, dass dies der sichere Weg ist, es garantiert zu vermasseln. Erstens ist nicht alles, was auf dem Wege liegt, auch naheliegend, und zweitens hat der Mensch keine Zeit, er nimmt sie sich höchstens. Solcherart mit Weisheit gerüstet, ergab sich zudem der günstige Umstand, dass Freunde von mir denselben Gedanken hatten und mich fragten, ob ich mit zu Beckmann wolle. Ich musste wollen, sonst wäre es nie was geworden und so verabredeten wir uns für heute elf Uhr auf dem Alten Markt.

Zehn nach elf eile ich hinter der Nikolaikirche hervor. Verdammt, ich komme zu spät! Doch habe ich dafür auch den allerbesten Grund: Meine Wohnung liegt nur fünf Minuten vom Museum entfernt – das soll mal jemand rechtzeitig schaffen!

Meine Freunde stehen vor der Loggia im Erdgeschoss und sehen kein bisschen verwundert aus. Das wundert mich wiederum nicht – wir kennen uns. Ich verlangsame meinen Schritt, bezwinge meinen Drang, den Schrittzähler aus der Hosentasche zu nesteln, und nehme mir stattdessen Zeit, mich wieder hinreißen zu lassen von dieser geradezu surrealen Erscheinung: Ein gut zwei Jahre alter beigefarbener Barockpalast steht dort wie aus dem Ei gepellt als ungefähre Kopie eines vor 73 Jahren zerstörten palastartigen Verwaltungs- und Wohnhauses, das wiederum 173 Jahre zuvor errichtet wurde als Doppelwohnhaus für die Bürger Schulz und Dickow und zwar als freie Adaptation eines noch einmal 134 Jahre früher fertig gestellten Palazzos in Rom. Derselbe war übrigens auch ein Doppelwohnsitz, in diesem Fall für zwei Neffen des damaligen Papstes Urban VIII. Die beiden lebten übrigens hauptsächlich vom Nepotismus, was – ganz nebenbei – ein hübscher Ausdruck ist für Vetternwirtschaft.

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Unser Palast ist also eine Kopie von einer Kopie. Solche Nachbauten sind eine Spezialität aus Potsdam, man betrachte gegenüber nur einmal den neuen Landtag, der laut einer güldenen Inschrift kein Schloss sein will. Wer’s dennoch nicht glauben mag, begebe sich ruhig ins Innere. Auf dem Weg zur Kantine im Dachgeschoss – Hunger treibt’s rein – geht man über weiße Treppen, blickt in weiße Flure und rollt mit den Augen zur weißen Decke. Für diese weiße Designerhölle sollte man am Eingang Schneebrillen verteilen.

Doch zurück zum Palast Barberini. Eben winken mir meine Freunde zu und ich winke zurück. Einer zeigt empört auf seine Uhr. Ich kann ihn verstehen, aber bitte bitte, noch einen Moment Geduld.

Der Palast ähnelt auf dem ersten Blick ein wenig dem alten Wohnzimmerschrank meiner Eltern, der hatte auch so ein vorgezogenes Mittelteil. Die offene Loggia im Erdgeschoss wirkt dabei recht leichtfüßig, fast schon etwas fragil. In der Höhe wird dieser Mittelteil, auch Risalit genannt, von den drei klassischen Säulenordnungen gegliedert, wobei es eine seit der Antike klar definierte Rangordnung gibt. Diese Fassade ist für jeden Architekturfreund eine veritable Lehrtafel. Es wäre daher durchaus zu empfehlen, wenigstens einmal während des Studiums Architekturstudenten der örtlichen Fachhochschule hierherzuführen, um sie an Ort und Stelle mit der Grundlager der klassischen Architektur, nämlich den Säulenordnungen, vertraut zu machen. Natürlich nur, sofern der Studienplan auch Allgemeinbildung vorsieht.

Gehen wir der Reihenfolge nach: Die niederste Ordnung, die Toscana, steht der Regel entsprechend ganz unten. Sie ist eine Variante der eine Stufe über ihr stehenden dorischen Ordnung, von ihr unterschieden durch den glatten Schaft und das Vorhandensein einer Basis. Den französischen Klassizisten galt sie als die Demonstration männlicher Stärke, andere bezeichneten sie als bäurisch oder aufgrund einer zweifelhaften Etymologie gar als deutsche Ordnung. Der klassischen Architekturlehre nach sei sie für alles geeignet, was mit dem Begriff der Männlichkeit zu tun habe: Militärbauten, Stallungen und Gefängnisse. So findet sie sich auch am Jägertor wieder, hier sogar durch eine schwere Bandrustika gegliedert. Am Palast Barberini steht die Toscana vor sechs Bogenpfeilern, außen als Dreiviertelsäulen, innen aber in Form zweier von Pilastern hinterlegter Vollsäulen. Dazu passen die für klassische Sockelzonen typischen Putzbänder im Hintergrund und der Triglyphenfries. Die Säulen erheben sich auf Piedestalen; das streckt sie in die Höhe, ohne ihre klassische Proportion zu verzerren und gibt ihnen zugleich einen optischen Halt.Barberini_vorne_02

Darüber, im ersten Obergeschoss, erhebt sich die Ionica, ebenfalls in Form von Dreiviertelsäulen und erkennbar an den typischen Kapitellen mit den Schnecken. Zu Beginn, also 600 Jahre vor unserer Zeit, waren sie nur auf Vorderansicht konzipiert; daraus ergab sich der sogenannte Eckkonflikt. Ein Dauerbrenner, denn erst 300 Jahre später entwickelte man die vierseitige Variante und beendete damit den Konflikt – man kann es sich aber auch wirklich schwer machen. Die Ionica gilt als weibliche Ordnung. Der italienische Mathematiker Luca Pacioli meinte sogar, sie habe einen melancholisch, witwenhaften Ausdruck. Meine Großmutter war lange Jahre Witwe, aber einen „ionischen“ Ausdruck habe ich bei ihr nie bemerkt. Palladio liebte die Ionica und wandte sie gern bei seinen Villen an, darunter auch der berühmten La Rotonda. Geeignet schien diese Ordnung für all jene Bauten, die zu gut waren für die Toscana und zu profan für die Corinthia, und das waren vornehmlich Villen, Rathäuser, Museen und Theater. Das Gebälk über den Ionica ist im Übrigen glatt belassen und nur mit einem Zahnschnitt akzentuiert.

Die höchste und reichste Ordnung am Palast Barberini, die noch vor der bereits erwähnten und mit ihr eng verwandten Corinthia steht, ist die Composita. Ihre Kapitelle sind eine Mischung aus den Voluten der ionischen und dem Akanthuslaub der korinthischen Ordnung. Der Architekt verwendete an dieser Stelle, anders als in den Geschossen darunter, Pilaster, die jeweils noch von einem Viertelpilaster hinterlegt sind. Laut dem antiken Baumeister Vitruv soll diese Ordnung auf Kallimachos, einem griechischen Bildhauer aus dem 5. Jahrhundert vor unserer Zeit zurückgehen. Dieser habe beobachtet, wie eine Amme auf dem Grab einer von ihr aufgezogenen, jungfräulichen Korintherin einen Korb mit deren Lieblingsspielsachen abgestellt und mit einer Platte gegen die Witterung geschützt habe. Eine zufällig darunter wachsende Akanthuspflanze habe sich dann um den Korb gerankt und so das erste korinthische Kapitell gebildet. Die als jungfräulich und majestätisch betrachtete Corinthia bzw. Composita fand vor allem im europäischen Palast- und Kirchenbau eine breite Anwendung.

Gern würde ich noch etwas verweilen bei der vasengeschmückten Balustrade, die den Bau filigran gegen den Himmel abschließt oder bei der breiten Durchfahrt auf der rechten Seite, an die ich mich irgendwie nicht gewöhnen kann und will, mehr noch aber bei dem großzügig verglasten Foyer mit Durchblick bis zum Innenhof, wo das Jahrhundert weiter schreitet, aber ich darf den bis zum Zerreißen gespannten Geduldsfaden meiner Freunde nicht länger strapazieren und bewege mich augenblicklich auf den Eingang zu. „Welttheater“ heißt die Ausstellung, und irgendwie habe ich hier auf dem Alten Markt das leise Gefühl, bereits mitten in den Kulissen zu stehen.“

 

Im Vorübergehen… Der Palast Barberini-Rückseite

Heute, nach sehr langer Blogpause, kommt wieder meine Kollege und Freund Thomas Sander zu Wort. Auch diesmal hat er wieder, so ganz  im Vorübergegen, eine neue Attraktion in Potsdam unter die Lupe genommen und erzählt, auf seine bekannte Art & Weise über das neue/alte Barberini an der Alten Fahrt. Viel Freude beim Lesen. 

„Kennen Sie diese kleinen elektronischen Taschenschrittzähler, wie sie neuerdings nicht wenige Zeitgenossen in ihren Beinkleidern horten, um an einer Kreuzung oder vor einem Schaufenster verstohlen einen Blick darauf zu werfen? Und dann dieses ungläubige Erstaunen: Was, keine tausend Schritte? Bis zur Zahl 10.000 und damit der Belohnung in Form eines kleinen jubelnden Männchens auf dem Display ist es demnach noch ein weiter Weg. Ja, das Gefühl beschleicht einen öfter: Man kommt einfach nicht vorwärts im Leben. Also weiter, und immer einen Fuß hübsch vor den anderen…

Nachdem mir mein Bruder vor einiger Zeit so etwas zum Geburtstag geschenkt hatte, statt mir gleich zu sagen, dass ich zu fett sei, und ich diesen Trojaner des schlechten Gewissens erst einmal ein halbes Jahr tunlichst ignorierte, konnte ich auf mehrmaliges Nachfragen seinerseits nicht mehr anders und schnallte mir gestern Abend den kleinen Überwachungsapparat erstmals an den Gürtel und absolvierte meine Initiationsrunde.

Ich querte zügig den Parkplatz vor dem Haus, bog um die Hauptpost am Platz der Einheit auf die Straße am Kanal, passierte rechterhand die Nikolaikirche, beschleunigte noch einmal auf dem Alten Markt und schoss wie eine Irrer die Treppen zur Havel hinunter, nicht bedenkend, dass mehr Geschwindigkeit nicht gleich mehr Schritte bedeuten. Aber ich war schon immer ein Physikass. In meinem Rücken rauschte unablässig der Verkehr auf der Langen Brücke und vor mir erstreckte sich das neue Trottoir entlang der Alten Fahrt.

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Endlich blieb ich stehen, außer Atem und sehr gespannt. Ich nestelte dieses kleine blaue Ding aus der Tasche, drückte auf „Mode“, guckte noch mal, ob keiner guckt und… Verdammt! Das Ding muss kaputt sein, war mein erster Gedanke, ich bin ja kaum vorwärtsgekommen.

Enttäuscht hob sich mein Blick, wanderte über die Stufen einer Freitreppe hinauf und blieb hängen an einem riesigen Koloss, der mit stramm erhobenem rechten Arm und einer zur Faust geballten Linken auf mich zustürmt. Noch zwei, drei Schritte und der Typ wird unweigerlich die Treppe hinabpurzeln. Dies umso mehr, als er keine Augen hat für das, was sich da unter ihm auftut. Sein Kopf scheint sich in der aufgerissenen Brust verstecken zu wollen.

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Ich stand unterhalb des Hofes vom Museum Barberini und der Typ da oben ist natürlich niemand anderes als der berühmte „Jahrhundertschritt“ von Wolfgang Mattheuer. Es handelt sich bei dieser Bronzeskulptur um den sechsten und mit über fünf Meter Höhe zugleich größten Abguss dieses Schlüsselwerkes der DDR-Kunst. Sagte ich Schlüsselwerk der DDR-Kunst? Nein, falsch, Mattheuers „Jahrhundertschritt“ ist sehr viel mehr als das. Die Skulptur ist ein Schlüsselwerk der deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts überhaupt. Kein Künstler, zumindest kein deutscher, hat vor ihm derart prägnant, vor allem aber öffentlichkeitswirksam diese Zerrissenheit zwischen Fortschritt und Reaktion, Kommunismus und Faschismus, barfüßiger Unschuld und gestiefeltem Verbrechen, Frieden und Krieg in einem Werk symbolisch dargestellt. 

Der „Jahrhundertschritt“ ist ein Jahrhundertwerk. Und offenbar, was die innewohnende Aktualität und Warnung betrifft, für manches Verständnis immer noch zu groß, um ihn in Potsdam angemessen auf einem entsprechend großen Platz zu zeigen. Stattdessen steht er hier auf dem Hof des Palastes Barberini inmitten gepflegter Hochbeete und ist dort auch nicht sicher vor Missverständnissen, wie etwa einer unter der Bezeichnung „Kunstaktion“ im Mai dieses Jahres begangenen Sachbeschädigung durch einen 74jährigen Berliner. Er hatte die Skulptur mit roter Farbe bekleckert und das Ganze mit einem 20 Meter langen Kreppband garniert.

Abends wird der „Jahrhundertschritt“ vorsorglich eingesperrt hinter einem übermannshohen Gitter. Entweder will man ihn so an der Flucht hindern, die allerdings ohnehin bei seiner Kopflosigkeit nach wenigen Schritten im Wasser der Alten Fahrt enden würde. Oder aber man muss ihn – wie schon gesagt – vor Leuten schützen, die es darauf anlegen, Kunst zu verüben.

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Mein Blick wanderte endlich weiter von der Skulptur zu den drei Seiten des Museumspalastes. Irgendwie scheint einem diese Architektur altvertraut zu sein von den vielen Bildern, die man davon schon in Büchern, auf Postkarten und im Netz gesehen hat. Teilweise stimmt das auch. So erweist sich die dreigeschossige Rückwand mit den Vasen auf der Attika analog zur Vorderseite als ein Lehrbuch der seit der Antike geläufigen Säulenordnungen, von Dorisch über Ionisch bis hin zu Korinthisch und hierarchisch korrekt übereinander getürmt. Doch die Seiten irritieren. Ursprünglich fünfgeschossig angelegt für Wohnzwecke, wobei es auch hier die für das alte Potsdam so typischen Mezzaningeschosse gab, haben der oder die Architekten bei den neuen Seitenflügeln versucht, aus funktionalen Gründen und unter Wahrung der alten Höhe das Ganze auf drei Etagen zu reduzieren. Das ging in den Fassaden zumindest optisch etwas daneben, denn jeweils drei unterschiedslos behandelte Gesimse trennen dicht aufeinanderfolgend die Geschosse und flirren streifig vor den Augen wie eine TV-Bildstörung. Das wäre Ludwig Persius, der Mitte des 19. Jahrhunderts die rückwärtigen Flügel des Palastes entworfen hatte, nie passiert. Das war aber auch zu einer Zeit, als sich die klassischen Architekten noch mit einer umfassenden Bildung herumschlugen, was sie letztlich daran hinderte, alles zu machen, was geht. Davon jedoch hat sich das Gros der modernen und vor allem erfolgreichen Architekten längst befreit, denn zuviel Bildung schafft nur Skrupel und kann auch ein Wettbewerbsnachteil sein.

Ich schaue noch einmal auf meinen Schrittzähler. Untrüglich zeigt er mir immer noch dasselbe Schrittmaß an. Und da dieser Anzeiger nicht von sich aus weiterläuft, sondern darauf wartet, dass ich es tue, muss ich unbedingt weiter bevor noch die Dunkelheit hereinbricht. Außerdem will ich unbedingt noch das kleine jubelnde Männchen auf dem Display sehen, denn wozu mache ich das Ganze sonst?