Im Vorübergehen…Brocksche Haus am Kanal

Ich freue mich sehr, meinen langjährigen Freund und Studienkollegen Thomas Sander begeistert zu haben, für die neue Rubrik „ Im Vorübergehen…“ auf meinem Blog zu schreiben. Er wird architektonische Kleinode in Potsdam und Umgebung vorstellen, die wir alle schon im Vorübergehen wahrgenommen haben, über die wir jedoch im Allgemeinen wenig wissen. Mittelpunkt seines ersten Beitrages ist das „Brocksche Haus am Kanal“. Es wurde vor kurzem von seinem Baugerüst befreit und erstrahlt nach der Sanierung wieder in voller Schönheit. Viel Spaß beim Lesen.

„Es gibt einen Spruch, der lautet: Mehr sein als scheinen! Soll angeblich für eine preußische Tugend stehen und zwar die Bescheidenheit. Abgesehen davon, dass mir altem Sünder bei den preußischen Tugenden schon immer etwas mulmig wurde, so scheinen sie doch zuallererst für „die da unten“ erdacht worden zu sein und zwar von „denen da oben“, wo man sich selbst kaum daran zu halten pflegte. War etwa König Friedrich II. ein bescheidener Mann, wenn er zwar jahrelang in ein und derselben tabakfleckigen Uniform herumlief, aber zehntausende Taler für goldene Tabaksdosen, Champagner und Kirschen im Winter ausgab? War das Bescheidenheit oder doch nur eine, sagen wir exklusive Nonchalance? Egal: Heute würde sich nicht einmal der Alte Fritz ohne Schlips und sauberen Kragen vor die Schlosstür trauen.

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Diese Gedanken kommen mir beim Anblick des frisch restaurierten, ach, was sage ich, wie aus dem Ei gepellten Brockschen Hauses Am Kanal, das nun aus Werbegründen unbedingt ein „Palais“ sein soll; wie ja auch das „Karstadt“ auf dem „Broadway“ schon seit längerem kein Warenhaus mehr ist sondern ein „Stadtpalais“. Könnte man verstehen, denn immerhin soll der Kunde dort König sein. Aber spätestens an der Kasse wird man wieder auf den Boden der Realität zurückgeholt.

Und was hat das Ganze mit dem Brockschen Haus zu tun? Nun, der Bau wurde 1776, also zu Zeiten des Alten Fritzen für einen vermögenden Glasschleifer und -händler namens Johann Christoph Brockes errichtet. Im Prinzip besteht das Ganze aus nicht sehr viel mehr, als einer dreistöckigen Prachtfassade mit drei Eingängen, Säulen aus Sandstein, einem mächtigen Giebeldreieck sowie Putten und Vasen auf der Attika. Letztere sollen übrigens wieder auf die leeren Postamente zurückkehren. 60 Meter ist die barocke Schau breit; das Haus dahinter misst aber nur acht Meter. Und weil es so schmal war, nannte es das Volk die „Patronentasche“.

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Im Inneren wohnten der Glashändler und dessen Bruder, der von Beruf Stadtarzt war, zusammen mit ihren Familien. Dazu kamen Wohnungen fürs Personal, Soldaten zur Einquartierung, Produktions- und Warenlager, Verkaufsräume sowie Werkstätten, Remisen und Ställe auf dem Hof. Es gab kein zentrales Treppenhaus und die Stuben lagen zumeist als Durchgangsräume ziemlich verschachtelt neben- und hintereinander. Das Brocksche Haus war also alles andere als ein fürstliches Palais, ungeachtet der Tatsache, dass es in der Mitte einen großen Saal gab und sich bei der jüngsten Restaurierung Spuren von offenen Kaminen und alten Wandmalereien fanden.

Als ich das von außen so prachtvolle, wenn auch recht ruinöse Haus zum ersten Mal betrat, war ich vom Inneren fast enttäuscht. Kahle Wände, Modergeruch und Spinnweben. Doch ich wusste ja, dass hier inzwischen viel umgebaut und zerstört war. Es galt buchstäblich hinter die Fassade bzw. die verschimmelten Raufasertapeten aus Telecom-Zeiten zu blicken. Und da entdeckte selbst ich bei genauerer Betrachtung noch manch Interessantes aus den Zeiten der Familie Brockes und der Preußischen Oberrechnungskammer, die hier ab 1817 residierte. Man sieht, was man weiß; und erst wenn man weiß, erhält es auch seinen Wert.

Mehr sein als scheinen! Hinter der heute in zartem Rosa getönten Fassade werden sich in naher Zukunft schicke, aber marktübliche und sehr, sehr teure Eigentumswohnungen verbergen. Das mag man bedauern. Andererseits: Das Beste am Haus war immer schon die Fassade und über die darf man sich jederzeit und nun erst recht freuen – und zwar kostenlos.“

2 Gedanken zu “Im Vorübergehen…Brocksche Haus am Kanal

  1. Vielen Dank für diesen tollen Beitrag, werde mir die Fassade des Brockschen Hauses bei meinem nächsten Potsdambesuch mal ganz genau anschauen 🙂 Das macht Lust auf mehr!

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