Im Vorüber gehen: Die Seerose

Wer schon darauf gewartet hatte, wieder einen Beitrag von Thomas Sander auf meinem Blog lesen zu können, wird sich heute freuen. Diesmal schreibt er ganz Gedankenverloren über den letzten Sommer und einem Kleinod an der Havelbucht.
Viel Vergnügen und träumt schon mal vom nächsten Sommer.

Wenn Homo gastronomicus sich irgendwo im Freien niederlässt, dann darf er sich zumindest in unseren Breiten sicher sein, dass sich Passer domesticus dazugesellt. Er, der Gemeine Haussperling, den wir noch gemeiner als Spatz kennen, gilt als „Kulturfolger“ des Menschen, folgt also dem, was Mensch für Kultur hält und betreibt. Zum Beispiel Essen gehen. Und weil der Spatz nicht nur ein munterer und lärmiger Zeitgenosse ist, sondern auch ein sehr geselliger, taucht er so gut wie nie allein auf, sondern hat seine Kumpane immer im Schlepptau. Hüpfend, den Kopf ruckartig zur Seite legend, sich aufplusternd und blitzschnell, wenn’s drauf ankommt, geht seine Jagd über den Holzrost zu Füßen auf die niedrige Mauer neben dem Tisch, von dort auf eine Stuhllehne und, wenn man nicht aufpasst… Aber ich passe auf, und mit einer Handbewegung, die auch von einem Spatzen nicht als Einladung missverstanden werden kann, habe ich den schlauen kleinen Federball davongescheucht – und zwar genau einen Meter weiter. Ich behalte dich genau im Auge, denke ich und weiß, dass er das auch denkt.

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Ich blicke hinüber zur Moschee, diesem gestreiften Unikum am anderen Ende der Neustädter Havelbucht. Persius hat sie Anfang der 1840er Jahre als Dampfmaschinenhaus für Friedrich Wilhelm IV. gebaut, der nichts gegen die Segnungen der Industriellen Revolution hatte, solange sie sich nur hübsch verpacken ließen. In diesem Fall und mal zur Abwechslung im maurischen Stil mit einem Schornstein als Minarett. Offenbar gelang diese Camouflage so gut, dass, so habe ich mir sagen lassen, noch in jüngster Zeit einige Muslime zur Havel gepilgert seien, um in der Moschee ihr Freitagsgebet zu verrichten. Ich finde den Irrtum nur zu verständlich, denn schon lange weht keine Rauchfahne mehr aus dem Minarett. Und nichts ist mehr über die Bucht hinweg zu hören vom rhythmischen Schnaufen und Stampfen einer Zweizylinder-Dampfmaschine von Borsig mit 82-PS. Schade eigentlich, denn ich mag Dampfmaschinen und war schon als Kind von den Qualmrössern auf dem heimischen Bahnhof fasziniert. Und schade auch, dass die Schlösserstiftung nun aus Spargründen beschlossen hat, neben anderen Objekten die Havelmoschee das Jahr über geschlossen zu halten. Zugegeben: In all der Zeit, seit ich in Potsdam wohne, habe ich es nur ein einziges Mal geschafft, hinter die Kulisse zu blicken. Für uns Besucher wurde damals als Höhepunkt der Führung die Maschine in Gang gesetzt und wir alle legten unseren Kopf in den Nacken, um auf den hoch über uns rotierenden Fliehkraftregler zu starren. Darauf hockte ein kleiner goldener Adler und drehte sich flink im Kreis. Tolle Aussicht, meinte jemand neben mir. Blödsinn, dachte ich, wenn ich nur hingucke, wird mir schon schlecht.

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Die Regionalbahn aus Richtung Magdeburg rauscht soeben wie ein roter Pfeil über die Eisenbahnbrücke zu den Planitz-Inseln hinüber. Einst konnte man hier ungehindert über die Bucht nach Hermannswerder blicken, doch 1845 hat der schon besagte König, den man später den Romantiker auf den Thron nannte und der sich zeitlebens um die Potsdamer Kulturlandschaft bemühte, die Streckenführung südlich des Lustgartens bestimmt, also über die Havelbucht hinweg, und ein Jahr später fuhr hier der erste Zug. Die heutige Bogenbrücke stammt übrigens von 1995. Ihre Vorgängerin wurde 90 Jahre alt und hat zwei Weltkriege überstanden, mal sehen, wie lange es die neue macht.
Um mich herum sehr viel Betrieb, klapperndes Besteck, klirrende Gläser, Stimmengewirr, Vogelgezwitscher und der gelegentliche Ruf nach dem Kellner. Die Sonne scheint warm auf die Terrasse und ich atme den kühlen Duft der Havel. Mein Blick geht hinauf zum elegant gebogenen Dach dieses kleinen Pavillons, der „Seerose“ heißt, und ich versuche mich daran zu erinnern, wie eine Seerose aussieht.

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Der Bau wurde 1983 als – wie es sehr technisch heißt – „Hyperbol-Schalenkonstruktion“ nach Entwurf des Bauingenieurs Ulrich Müther errichtet. Direktes Vorbild war das Restaurant „Los Manantiales“ in Xochimilco, einem Stadtbezirk von Mexiko-Stadt. Der spanische Name des vom „Pionier des Betonschalenbaus“ Félix Candela entworfenen und 1958 eröffneten Restaurants bedeutet „Die Quellen“; sehr passend, da der Bau direkt am Wasser steht. Etwas näher am Wasser, das hätte der „Seerose“ sicher auch gut getan, doch war der sumpfige Boden an der Havelbucht schon schwierig genug. Genau 104 Betonpfähle mussten damals für die Gründung eingerammt werden. Sehr aufwändig für einen so kleinen Bau, dessen Funktion vor allem darin lag, gleich einer Blume im Asphalt das Quadratische und Praktische des umgebenden Plattenbaus etwas aufzulockern.

In jüngster Zeit gibt’s Ärger, weil der Besitzer des jetzigen Restaurants „Seerose“, in dem es zugegebenermaßen die besten Steaks und Burger der Stadt gibt, die zur Breiten Straße gelegenen Freiflächen als Wirtschaftshof nutzt und mit einem Allerlei an Zäunen, Planen, Einhausungen und Hecken auffällig kaschiert. Da macht die Denkmalpflege nicht mit, denn der Bau ist nun mal mit seiner Blüte von acht „Hyparschalen“ auf Rundumsicht angelegt und hat daher weder eine Vorder- noch eine Rückseite. Und der Wirtschaftshof ist im wahrsten Sinne des Wortes eine recht einseitige Angelegenheit, von der „Ästhetik“ mal ganz zu schweigen. Aus dem einstigen Café wurde ein veritables Restaurant und schon ist alles zu klein.

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Jetzt sitze ich also auf der Havelseite und beobachte die Spatzen zu meinen Füßen. Rotzfrech, denke ich, und bin zugleich dankbar, dass sie noch da sind. Nicht auszudenken, sie würden uns Menschen nicht mehr folgen. Nicole, die mir gegenübersitzt, atmet tief durch: „Schön hier!“ Und ich widerspreche ihr nicht.  

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