{"id":1452,"date":"2018-04-16T20:42:20","date_gmt":"2018-04-16T19:42:20","guid":{"rendered":"http:\/\/interieur-feng-shui.de\/?p=1452"},"modified":"2018-04-16T20:46:24","modified_gmt":"2018-04-16T19:46:24","slug":"im-voruebergehen-palast-barberini-vorderseite","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/interieur-feng-shui.de\/?p=1452","title":{"rendered":"Im Vor\u00fcbergehen\u2026 Palast Barberini &#8211; Vorderseite"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica, arial, sans-serif;\">Erinnert ihr euch noch an den Jahrhundertschritt? Richtig&#8230;. der &#8222;Riesenkerl&#8220;, der auf der R\u00fcckseite vom neuen Barberini in Potsdam steht und im Herbst letzten Jahres von meinem Kollegen Thomas Sander hier auf meinem Blog so wunderbar sch\u00f6n und leicht in Szene gesetzt wurde. Diesmal war Thomas wieder einmal im Barberini und hat f\u00fcr euch, so ganz im Vor\u00fcbergehen, sich die Vorderseite vom Museum mal genauer <span style=\"font-size: 12pt;\">angeschaut. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica, arial, sans-serif; font-size: 12pt;\">&#8220; Heute will ich in den Palast Barberini, zu Beckmann und seinem <strong><a href=\"https:\/\/www.museum-barberini.com\/ausstellung-max-beckmann.welttheater\/\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #ff6600;\">\u201eWelttheater\u201c.<\/span><\/a><\/strong> Das hatte ich mir schon l\u00e4ngst vorgenommen, es aber bisher nicht geschafft. Grund: Der Palast liegt fast um die Ecke und die Ausstellung geht noch bis Juni. Sehr gef\u00e4hrlich, denn so denkt man, dass der Wunsch buchst\u00e4blich auf dem Wege liegt und man noch ewig Zeit hat. Meine Erfahrung \u2013 und nicht nur meine \u2013 sagt aber, dass dies der sichere Weg ist, es garantiert zu vermasseln. Erstens ist nicht alles, was auf dem Wege liegt, auch naheliegend, und zweitens hat der Mensch keine Zeit, er nimmt sie sich h\u00f6chstens. Solcherart mit Weisheit ger\u00fcstet, ergab sich zudem der g\u00fcnstige Umstand, dass Freunde von mir denselben Gedanken hatten und mich fragten, ob ich mit zu Beckmann wolle. Ich musste wollen, sonst w\u00e4re es nie was geworden und so verabredeten wir uns f\u00fcr heute elf Uhr auf dem Alten Markt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica, arial, sans-serif; font-size: 12pt;\">Zehn nach elf eile ich hinter der Nikolaikirche hervor. Verdammt, ich komme zu sp\u00e4t! Doch habe ich daf\u00fcr auch den allerbesten Grund: Meine Wohnung liegt nur f\u00fcnf Minuten vom Museum entfernt \u2013 das soll mal jemand rechtzeitig schaffen!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica, arial, sans-serif; font-size: 12pt;\">Meine Freunde stehen vor der Loggia im Erdgeschoss und sehen kein bisschen verwundert aus. Das wundert mich wiederum nicht \u2013 wir kennen uns. Ich verlangsame meinen Schritt, bezwinge meinen Drang, den Schrittz\u00e4hler aus der Hosentasche zu nesteln, und nehme mir stattdessen Zeit, mich wieder hinrei\u00dfen zu lassen von dieser geradezu surrealen Erscheinung: Ein gut zwei Jahre alter beigefarbener Barockpalast steht dort wie aus dem Ei gepellt als ungef\u00e4hre Kopie eines vor 73 Jahren zerst\u00f6rten palastartigen Verwaltungs- und Wohnhauses, das wiederum 173 Jahre zuvor errichtet wurde als Doppelwohnhaus f\u00fcr die B\u00fcrger Schulz und Dickow und zwar als freie Adaptation eines noch einmal 134 Jahre fr\u00fcher fertig gestellten Palazzos in Rom. Derselbe war \u00fcbrigens auch ein Doppelwohnsitz, in diesem Fall f\u00fcr zwei Neffen des damaligen Papstes Urban VIII. Die beiden lebten \u00fcbrigens haupts\u00e4chlich vom Nepotismus, was \u2013 ganz nebenbei \u2013 ein h\u00fcbscher Ausdruck ist f\u00fcr Vetternwirtschaft.<\/span><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/interieur-feng-shui.de\/?attachment_id=1453\" rel=\"attachment wp-att-1453\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1453\" src=\"http:\/\/interieur-feng-shui.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Barberini_vorne_01.jpg\" alt=\"Barberini_vorne_01\" width=\"1000\" height=\"500\" srcset=\"http:\/\/interieur-feng-shui.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Barberini_vorne_01.jpg 1000w, http:\/\/interieur-feng-shui.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Barberini_vorne_01-300x150.jpg 300w, http:\/\/interieur-feng-shui.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Barberini_vorne_01-768x384.jpg 768w, http:\/\/interieur-feng-shui.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Barberini_vorne_01-500x250.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Unser Palast ist also eine Kopie von einer Kopie. Solche Nachbauten sind eine Spezialit\u00e4t aus Potsdam, man betrachte gegen\u00fcber nur einmal den neuen Landtag, der laut einer g\u00fcldenen Inschrift kein Schloss sein will. Wer\u2019s dennoch nicht glauben mag, begebe sich ruhig ins Innere. Auf dem Weg zur Kantine im Dachgeschoss \u2013 Hunger treibt\u2019s rein \u2013 geht man \u00fcber wei\u00dfe Treppen, blickt in wei\u00dfe Flure und rollt mit den Augen zur wei\u00dfen Decke. F\u00fcr diese wei\u00dfe Designerh\u00f6lle sollte man am Eingang Schneebrillen verteilen.<\/p>\n<p>Doch zur\u00fcck zum Palast Barberini. Eben winken mir meine Freunde zu und ich winke zur\u00fcck. Einer zeigt emp\u00f6rt auf seine Uhr. Ich kann ihn verstehen, aber bitte bitte, noch einen Moment Geduld.<\/p>\n<p>Der Palast \u00e4hnelt auf dem ersten Blick ein wenig dem alten Wohnzimmerschrank meiner Eltern, der hatte auch so ein vorgezogenes Mittelteil. Die offene Loggia im Erdgeschoss wirkt dabei recht leichtf\u00fc\u00dfig, fast schon etwas fragil. In der H\u00f6he wird dieser Mittelteil, auch Risalit genannt, von den drei klassischen S\u00e4ulenordnungen gegliedert, wobei es eine seit der Antike klar definierte Rangordnung gibt. Diese Fassade ist f\u00fcr jeden Architekturfreund eine <span style=\"font-family: Calibri;\"><span style=\"font-family: helvetica, arial, sans-serif; font-size: 12pt;\">veritable Lehrtafel. Es w\u00e4re daher durchaus zu empfehlen, wenigstens einmal w\u00e4hrend des Studiums Architekturstudenten der \u00f6rtlichen Fachhochschule hierherzuf\u00fchren, um sie an Ort und Stelle mit der Grundlager der klassischen Architektur, n\u00e4mlich den S\u00e4ulenordnungen, vertraut zu machen. Nat\u00fcrlich nur, sofern der Studienplan auch Allgemeinbildung vorsieht.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica, arial, sans-serif; font-size: 12pt;\">Gehen wir der Reihenfolge nach: Die niederste Ordnung, die Toscana, steht der Regel entsprechend ganz unten. Sie ist eine Variante der eine Stufe \u00fcber ihr stehenden dorischen Ordnung, von ihr unterschieden durch den glatten Schaft und das Vorhandensein einer Basis. Den franz\u00f6sischen Klassizisten galt sie als die Demonstration m\u00e4nnlicher St\u00e4rke, andere bezeichneten sie als b\u00e4urisch oder aufgrund einer zweifelhaften Etymologie gar als deutsche Ordnung. Der klassischen Architekturlehre nach sei sie f\u00fcr alles geeignet, was mit dem Begriff der M\u00e4nnlichkeit zu tun habe: Milit\u00e4rbauten, Stallungen und Gef\u00e4ngnisse. So findet sie sich auch am J\u00e4gertor wieder, hier sogar durch eine schwere Bandrustika gegliedert. Am Palast Barberini steht die Toscana vor sechs Bogenpfeilern, au\u00dfen als Dreiviertels\u00e4ulen, innen aber in Form zweier von Pilastern hinterlegter Volls\u00e4ulen. Dazu passen die f\u00fcr klassische Sockelzonen typischen Putzb\u00e4nder im Hintergrund und der Triglyphenfries. Die S\u00e4ulen erheben sich auf Piedestalen; das streckt sie in die H\u00f6he, ohne ihre klassische Proportion zu verzerren und gibt ihnen zugleich einen optischen Halt.<a href=\"http:\/\/interieur-feng-shui.de\/?attachment_id=1454\" rel=\"attachment wp-att-1454\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1454\" src=\"http:\/\/interieur-feng-shui.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Barberini_vorne_02.jpg\" alt=\"Barberini_vorne_02\" width=\"1000\" height=\"500\" srcset=\"http:\/\/interieur-feng-shui.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Barberini_vorne_02.jpg 1000w, http:\/\/interieur-feng-shui.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Barberini_vorne_02-300x150.jpg 300w, http:\/\/interieur-feng-shui.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Barberini_vorne_02-768x384.jpg 768w, http:\/\/interieur-feng-shui.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Barberini_vorne_02-500x250.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica, arial, sans-serif; font-size: 12pt;\">Dar\u00fcber, im ersten Obergeschoss, erhebt sich die Ionica, ebenfalls in Form von Dreiviertels\u00e4ulen und erkennbar an den typischen Kapitellen mit den Schnecken. Zu Beginn, also 600 Jahre vor unserer Zeit, waren sie nur auf Vorderansicht konzipiert; daraus ergab sich der sogenannte Eckkonflikt. Ein Dauerbrenner, denn erst 300 Jahre sp\u00e4ter entwickelte man die vierseitige Variante und beendete damit den Konflikt &#8211; man kann es sich aber auch wirklich schwer machen. Die Ionica gilt als weibliche Ordnung. Der italienische Mathematiker Luca Pacioli meinte sogar, sie habe einen melancholisch, witwenhaften Ausdruck. Meine Gro\u00dfmutter war lange Jahre Witwe, aber einen \u201eionischen\u201c Ausdruck habe ich bei ihr nie bemerkt. Palladio liebte die Ionica und wandte sie gern bei seinen Villen an, darunter auch der ber\u00fchmten La Rotonda. Geeignet schien diese Ordnung f\u00fcr all jene Bauten, die zu gut waren f\u00fcr die Toscana und zu profan f\u00fcr die Corinthia, und das waren vornehmlich Villen, Rath\u00e4user, Museen und Theater. Das Geb\u00e4lk \u00fcber den Ionica ist im \u00dcbrigen glatt belassen und nur mit einem Zahnschnitt akzentuiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Calibri;\"><span style=\"font-family: helvetica, arial, sans-serif; font-size: 12pt;\">Die h\u00f6chste und reichste Ordnung am Palast Barberini, die noch vor der bereits erw\u00e4hnten und mit ihr eng verwandten Corinthia steht, ist die Composita. Ihre Kapitelle sind eine Mischung aus den Voluten der ionischen und dem Akanthuslaub der korinthischen Ordnung. Der Architekt verwendete an dieser Stelle, anders als in den Geschossen darunter, Pilaster, die jeweils noch von einem Viertelpilaster hinterlegt sind. Laut dem antiken Baumeister Vitruv soll diese Ordnung auf Kallimachos, einem griechischen Bildhauer aus dem 5. Jahrhundert vor unserer Zeit zur\u00fcckgehen. Dieser habe beobachtet, wie eine Amme auf dem Grab einer von ihr aufgezogenen, jungfr\u00e4ulichen Korintherin einen Korb mit deren Lieblingsspielsachen abgestellt und mit einer Platte gegen die Witterung gesch\u00fctzt habe. Eine zuf\u00e4llig darunter wachsende Akanthuspflanze habe sich dann um den Korb gerankt und so das erste korinthische Kapitell gebildet. Die als jungfr\u00e4ulich und majest\u00e4tisch betrachtete Corinthia bzw. Composita fand vor allem im europ\u00e4ischen Palast- und Kirchenbau eine breite Anwendung.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica, arial, sans-serif; font-size: 12pt;\">Gern w\u00fcrde ich noch etwas verweilen bei der vasengeschm\u00fcckten Balustrade, die den Bau filigran gegen den Himmel abschlie\u00dft oder bei der breiten Durchfahrt auf der rechten Seite, an die ich mich irgendwie nicht gew\u00f6hnen kann und will, mehr noch aber bei dem gro\u00dfz\u00fcgig verglasten Foyer mit Durchblick bis zum Innenhof, wo das Jahrhundert weiter schreitet, aber ich darf den bis zum Zerrei\u00dfen gespannten Geduldsfaden meiner Freunde nicht l\u00e4nger strapazieren und bewege mich augenblicklich auf den Eingang zu. \u201eWelttheater\u201c hei\u00dft die Ausstellung, und irgendwie habe ich hier auf dem Alten Markt das leise Gef\u00fchl, bereits mitten in den Kulissen zu stehen.&#8220;<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erinnert ihr euch noch an den Jahrhundertschritt? 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